Vor 10 Jahren:
Benediktion des Bernhard-Lichtenberg-Wallfahrtsbildes

 
 

Benediktion des Bernhard-Lichtenberg-Wallfahrtsbildes von Małgorzata Drozdowicz durch Erzbischof Heiner Koch | 5. November 2016 | Aufnahme: G.K. | DAB IX-BN 14465,00
 
 


 

Gedanken zum Wallfahrtsbild

Von Pfarrer Krystian Gwizdala

Man schaut auf das Bild, und zuerst sieht man nur einen Menschen. Einen Priester. Einen Berliner. Einen Mann. Einen Menschen, der einmal wirklich gelebt hat. In einer Welt, die wankte. In einer Zeit, in der Worte gefährlich sein konnten und Schweigen oft sicherer schien. Man sieht ihn – und denkt vielleicht zunächst nichts weiter. Doch wenn der Blick bleibt, wenn er nicht gleich weitergeht, wenn man sich erlaubt, einen Moment länger zu schauen, dann wird etwas anders. Dann beginnt das Bild zu arbeiten, ganz leise, fast unmerklich. Dann fängt es an, zu atmen. Aus dem Schatten der Geschichte tritt die Gestalt von Bernhard Lichtenberg hervor. Nicht dramatisch, nicht laut. Eher so, als würde sich eine Erinnerung langsam aus der Dunkelheit lösen. Das Dunkel hinter ihm ist nicht einfach Farbe. Es ist Zeit. Es ist Geschichte. Es ist Angst. Es ist die Atmosphäre einer Welt, in der Menschen vorsichtig wurden, in der viele lieber schwiegen. Eine Welt in der Worte Gewicht hatten – manchmal tödliches Gewicht. Und doch steht er dort. Ruhig. Fast still. Sein Gesicht wirkt gesammelt, als hätte er einen Ort gefunden, den die Unruhe der Welt nicht erreichen kann, ein Zentrum, das bleibt, während alles andere sich bewegt. Man schaut auf dieses Gesicht und merkt: Diese Ruhe ist nicht Gleichgültigkeit. Es ist Standhaftigkeit. Es ist die Ruhe eines Menschen, der weiß, worauf er vertraut. Über seinem Haupt ein Heiligenschein, nicht groß, nicht aufdringlich, ein Kreis aus Licht. Und je länger man hinsieht, desto mehr versteht man: Dieses Licht gehört nicht ihm. Es ist nicht der Glanz eines Menschen. Es ist das Licht, das durch einen Menschen hindurchscheint, das Licht, das entsteht, wenn ein Mensch Gott mehr vertraut als der Angst.
Der Blick wandert weiter. Hinter ihm steht die Hedwigskathedrale in Berlin. Steine, Kuppel, Raum – ein Gebäude mitten in der Stadt und doch mehr als ein Gebäude, ein Ort des Gebets, ein Ort des Wortes, ein Ort, an dem Menschen ihre Sorgen vor Gott tragen und ihre Bitten an ihn richten. Hier hat er gebetet. Hier hat er gepredigt. Hier hat er Namen genannt, für die sonst niemand mehr betete. Die Kirche hinter ihm ist nicht Kulisse; sie ist Erinnerung. Sie sagt: Glaube geschieht nicht nur im Inneren. Glaube hat einen Ort, einen Raum, eine Gemeinschaft. Doch auf der anderen Seite erscheint noch ein zweites Gebäude: die Neue Synagoge in Berlin. Auch sie gehört in dieses Bild. Still, würdevoll, mit ihrer Kuppel, die Geschichten trägt. Zwei Gotteshäuser, zwei Wege des Glaubens, zwei Erinnerungen daran, dass Menschen seit Jahrtausenden nach Gott suchen – in unterschiedlichen Traditionen, mit unterschiedlichen Worten, aber mit derselben Sehnsucht im Herzen. Dieses Bild, geschaffen von der polnischen Künstlerin Małgorzata Drozdowicz, die in Bromberg (heute Bydgoszcz) lebt und bereits unterschiedliche Bildwerke für Kirchen geschaffen hat, ist emporgehoben in einem Prozess des Miteinanders, des Überlegens, des Durchdenkens; jede Linie, jedes Licht, jede Farbe ist bedacht, jede Entscheidung getragen vom Nachsinnen über Standhaftigkeit, Glauben und Menschlichkeit. Und plötzlich taucht ein Satz auf, ein Satz, der durch die Zeit gegangen ist: Auch das ist ein Haus Gottes.“ Als Bernhard Lichtenberg das sagte, war es kein theologischer Vortrag. Es war ein Moment, ein Satz, eine Entscheidung – eine Entscheidung, die Mut brauchte. Man schaut auf das Bild, man denkt an diesen Satz, und man merkt: Manchmal zeigt sich der Glaube in einem einzigen Satz, in einem Satz, der sagt: Der andere gehört auch zu Gott.
Der Blick wandert wieder zurück, zur roten Stola auf seinen Schultern. Rot – die Farbe des Herzens, die Farbe der Liebe, aber auch die Farbe des Martyriums. Rot ist die Farbe derer, die ihren Glauben nicht nur gedacht haben, sondern gelebt, sogar dann, wenn es gefährlich wurde. Auf der Stola ein Kreuz, ein einfaches Zeichen und doch ein tiefes. Es erinnert an die Tradition derer, die im Stillen gebetet haben, die sich zurückgezogen haben, um Gott näher zu sein. Und plötzlich denkt man an das Gefängnis in Tegel, an eine Zelle, an Mauern, an Gitter, an Einsamkeit. Und doch geschah dort etwas Eigenartiges: Die Zelle wurde zu einem Raum des Gebets. Ein Ort der Begrenzung wurde ein Ort der Sammlung. Ein Gefängnis wurde zu einer Klause. Man schaut auf das Bild und fragt sich: Was macht einen Menschen innerlich frei?
Vor seinen Füßen liegt ein Lamm, gefesselt und doch friedlich. Ein Bild, das man aus der Bibel kennt, das Lamm, das für Christus steht, das Lamm, das Gewalt nicht mit Gewalt beantwortet. Man schaut auf dieses Lamm und erkennt: Es ist gebunden – und doch wirkt es frei. Vielleicht, weil Freiheit nicht zuerst bedeutet, dass niemand uns bindet. Vielleicht bedeutet Freiheit etwas anderes. Vielleicht meint Freiheit, dass das Herz weiß, wem es gehört. Neben dem Lamm stehen die Steintafeln der Gebote, schwer, alt und doch lebendig. Sie erinnern daran, dass es Worte gibt, die bleiben, auch wenn die Welt sie vergisst. Auch wenn Menschen sie verdrehen. Auch wenn Ideologien versuchen, sie zu ersetzen. Ein Gebot klingt besonders nach: „Du sollst nicht töten.“ Ein einfacher Satz – und doch ein Satz, der in manchen Zeiten zum Widerstand wird. Man schaut auf das Bild und versteht: Für Bernhard Lichtenberg war dieses Wort nicht verhandelbar, nicht relativ, nicht veränderbar.
Man betrachtet weiter. Vor ihm liegt die Palme, die Märtyrerpalme. Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums ist sie das Zeichen derer, die standgehalten haben – nicht als Zeichen der Niederlage, sondern als Zeichen eines Sieges. Ein stiller Sieg. Ein Sieg der Wahrheit über die Angst. Und während man schaut, erkennt man langsam: Dieses Bild erzählt nicht nur von einem Menschen. Es erzählt auch von einer Entscheidung – von der Entscheidung, nicht zu schweigen. Von der Entscheidung, den Menschen zu sehen. Von der Entscheidung, Gott mehr zu vertrauen als der Furcht. Und irgendwann geschieht etwas Seltsames: Plötzlich beginnt das Bild, mich anzuschauen. Es stellt Fragen. Leise Fragen, Fragen ohne Druck, Fragen, die einfach da sind. Wo stehe ich, wenn Unrecht geschieht? Wo finde ich den Mut zu sprechen? Wo wird mein Glaube sichtbar? Vielleicht beginnt alles klein, vielleicht beginnt alles leise – in einem Wort, in einer Geste, in einer Entscheidung, die niemand bemerkt. Man schaut noch einmal auf das Bild, auf das Gesicht, auf das Licht, auf die Stola, auf das Lamm, auf die Tafeln, auf die Palme – und langsam wird klar: Das Bild endet nicht an seinem Rahmen. Es geht weiter. Es geht mit. Es geht in die Gedanken. Es geht in das Herz. Vielleicht ist das seine eigentliche Botschaft: dass auch wir stehen können, dass auch wir sprechen können, dass auch wir hoffen können – mitten in der Welt, mitten in unserer Zeit, wie Bernhard Lichtenberg.