Im Diözesanarchiv – Streifzüge durch die kirchliche Vergangenheit BerlinsEsther Brown in: Katholische Kirchenzeitung für das Erzbistum Berlin, Nr. 48, 29. November 1998. Das Diözesanarchiv Berlin! Was stellt sich der moderne Mensch darunter vor, wenn er diese Bezeichnung das erste Mal hört? Wohl nicht viel. Archive gelten als verstaubt und langweilig. Doch, dann beginnen die Assoziationen: Vatikan, Verborgenes, Verbotenes, Geheimes, hochbrisantes Material, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist! Die katholische Kirche ist dafür berühmt berüchtigt, ein Kirchenarchiv ist kein normales Archiv! Auf dem Informationsblatt zum »Tag der Zeitgeschichte« steht es schwarz auf weiß. Das Diözesanarchiv stellt sich vor. Es öffnet am 4. Oktober einmalig seinen Tresor, in dem Wissen über kirchliche Zeitgeschichte verborgen wird. Diese Chance bietet sich kein zweites Mal. Der 4. Oktober ist geplant, ein Sonntag! Unerwartete Atmosphäre
Der Eingang zum Diözesanarchiv ist nicht leicht zu finden. Er liegt versteckt, überwuchert von Kletterpflanzen aller Art. Ein Messingschild fordert zum Klingeln auf. Es antwortet eine Frauenstimme: »Ja, Sie sind richtig, heute ist Tag der offenen Tür. Schön, daß Sie hier sind, ich öffne.« Die Frauenstimme verwirrt, eine Grabesstimme hätte besser gepaßt. So richtig introvertiert, Geheimes verbergend, hat sie nicht geklungen.
Ein kleiner Weg endet vor einem Gebäudekomplex, wo eine zweite Tür zum Einlaß summt. Bunte Pfeile leiten zum eigentlichen Ort des Geschehens, von wo Menschenstimmen im lebhaften Gespräch deutlich zu vernehmen sind. Ab und zu ertönt ein Lachen. An der Garderobe steht eine freundliche Dame. Sie nimmt die Garderobe entgegen und bittet um Eintrag in das Gästebuch, das auf einem Stehpult liegt. Ein Hinweis macht neugierig. Dubletten? Antiquarisch? Das ist interessant, sehr interessant! Ist das nur heute möglich? »Nein«, lautet die Antwort der netten Dame, »das ist immer möglich.« Führung durch das ArchivDer Archivleiter, der bisher nicht in Erscheinung getreten ist, beginnt mit seiner Führung. Der Tresor, die Geheimnisse, die einmalig zugänglich sind! In einem kleinen Raum wird Literatur vorgestellt, die sich mit der Kirchengeschichte in den beiden totalitären Epochen der deutschen Geschichte beschäftigt, dem Dritten Reich und der DDR. Das interessiert eigentlich nicht, weiß doch jeder Deutscher mit etwas Bildung, was er von der katholischen Kirche in diesen Zusammenhängen zu halten hat! Das ist stadtein und stadtaus bekannt, fast jeden Tag ist etwas darüber in der Zeitung zu lesen. Moment, hier stimmt etwas nicht. Was sagt der Leiter des Archivs, der im übrigen einen lebhaften Eindruck macht und so gar nicht von vorgestern zu stammen scheint? Er steckt tief in der Materie und weiß Bescheid. Das ist aber nicht alles, er scheint auch noch begeistert zu sein von dem, was er erzählt.
Im Tresor der GeschichteDer Raum wechselt. Viele Gegenstände liegen verstreut auf einem Tisch. Jetzt wird es interessant, Fotos, Urkunden! Was mag sich wohl hinter diesen verbergen? Der Archivleiter beginnt zu sprechen. Es entstehen Geschichten, die sich aus den Mosaiksteinen seines Berichtes zusammensetzen: Ich freue mich, daß Sie den Weg ins Diözesanarchiv Berlin gefunden haben und viele junge Menschen unter Ihnen sind. Dies ist ein positives Zeichen, denn es zeigt, daß die Vergangenheit immer wieder bewußt entdeckt wird und auf diesem Wege lebendig bleibt! Ich mache mit Ihrer Gruppe gerne Streifzüge durch die kirchliche Vergangenheit Berlins. Eine Auswahl von Schriften und Gegenständen soll Ihnen unsere Geschichte im Dritten Reich und der DDR lebendig machen. Goebbels und die Kirche
Dokumente, die vordergründig keine Bedeutung für den heutigen Menschen besitzen, erzählen, in Zusammenhang gebracht, Geschichten und decken Zusammenhänge auf. Auf einem Foto ist Joseph Goebbels zu sehen, der 1943 die zerstörte Hedwigskathedrale besichtigte. Man bat ihn, in der Ruine der Kathedrale eine Kapelle errichten oder die Singakademie für Gottesdienste nutzen zu dürfen. In seinem Tagebuch, notierte er nach einer Behandlung im St. Hedwigskrankenhaus, daß man die »Nonnen ruhig im Krankendienst belassen« könne, weil »sie hier keinen Schaden stiften.« Hier wird die Haltung Goebbels gegenüber den Katholiken deutlich, deren Kirche er einerseits auslöschen, andererseits jedoch zu seinen eigenen Gunsten nutzten wollte ... Diesen launischen Machthabern gegenüber mußte sich die Kirche behaupten, um die Gläubigen geistlich betreuen und schützen zu können. Kaum jemand ist sich dieser zwiespältigen Situation heute bewußt, wenn über die katholische Kirche im Dritten Reich diskutiert wird. Da sich nach dem Krieg im Laufe der Jahre ein eher negatives Bild über das Verhalten der Kirche im Dritten Reich durchgesetzt hat, möchte ich Sie auf diesen Punkt hinweisen. Propst Daniel und die NazisDer Leiter des Archivs nimmt einen anderen Gegenstand, vergleichbar mit dem Behälter eines kleinen Teelichts, zur Hand.
Hier ein Kaloderma-Rasierseifendöschen, Es berührt den Betrachter, wenn er erfährt, daß es einem Priester, Propst Ernst Daniel, als Meßkelch im Gestapogefängis diente. Ein Gefängniswärter war es, der den Meßwein schmuggelte. Es ist erschütternd, daß Menschen trotz widerwärtigster Umstände nicht auf die Messe verzichten und dafür ihr Leben in Gefahr bringen! Dabei hatte Propst Daniel noch Glück, im Gegensatz zu manch anderem Priester – so verlor etwa Bernhard Lichtenberg sein Leben aufgrund öffentlicher Gebete für die Juden in der St.-Hedwigskathedrale. Propst Daniel erfuhr dagegen wohl durch Katholiken, daß durch Meldung zur Strafkompanie in die Tschechei die größten Chancen beständen, nicht zu Tode zu kommen. Er meldete sich und überlebte. Kardinal Bengsch und die DDRMit einem historischen Zeitsprung fährt der Archivleiter fort:
Hier sehen sie die Totenmaske Kardinal Bengschs und eine Kranzschleife des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR, Honecker. Beide Gegenstände erzählen aus anderen Zeiten und den komplizierten Umständen, die mit ihnen verbunden waren. Als Kardinal Bengsch 1979 starb, mußte sein Leichnam zum Abschied in den Westen Berlins verbracht werden, bevor er am Tag danach zum Requiem wieder in den Osten der Stadt kam, um dort beigesetzt zu werden. Honecker schenkte einen Trauerkranz, mit dem er seine Achtung gegenüber Bengsch als einem Kämpfer gegen den Faschismus ausdrücken wollte. Ein kommunistisches Staatsoberhaupt ehrt einen Bischof der katholischen Kirche, die er für seinen sozialistischen Staat instrumentalisieren wollte, wogegen sich Kardinal Bengsch immer energisch verwahrte. Gebannt hören die Besucher zu. Offensichtlich ist es für viele das erste Mal, derartiges über Kirche zu hören. Man glaubt diesem Archivar, der offensichtlich Fachmann auf seinem Gebiet ist. Das zeigt er schon dadurch, daß er auch auf kritische Fragen und Einwände antwortet. Neue EinsichtenEine neue Perspektive hat sich aufgetan. Nicht nur das Bild über Archive hat sich verschoben, sondern auch die Meinung über das Verhalten der Kirche in den beiden totalitären Epochen Deutschlands. Bedauern regt sich, als der Archivar berichtet, daß viel Schriftgut des Archives während des zweiten Weltkrieges vernichtet wurde. Wieviele interessante Informationen hätten bewahrt und vermittelt werden können! Um so erfreulicher ist die Nachricht, daß nach dem Krieg und auch während der Teilung Berlins sowohl im Ost- als auch im Westteil der Stadt weitergesammelt und archiviert wurde. Nach der Vereinigung wurden beide Archive im März 1995 zusammengeführt und was entstand, war das Diözesanarchiv Berlin in der heutigen Form und Funktion. Alle vergessen, daß ein Archiv in ihren Augen einmal langweilig und ein kirchliches darüber hinaus verschlossen und geheim war. Allen ist bewußt geworden, wie wichtig ein Archiv zur Bewahrung des menschlichen Wissens ist, um Verfälschungen und dem Vergessen vorzubeugen.
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